"Kommt einer neu
und will das klösterliche Leben beginnen..."

Erste Hinführung zum benediktinischen Leben
in der Beuroner Benediktinerkongregation

 

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Inhalt

Einleitung

1. Gerufen von Gott

2. Gott suchen

3. Jesus Christus nachfolgen

4. Unter der Führung des Evangeliums nach der Regel des hl. Benedikt

5. Gott, unserem Schöpfer, den Lobpreis darbringen

6. Von der eigenen Hände Arbeit leben

7. In Gemeinschaft leben

8. Unter Regel und Abt

9. Wachsende Verbindlichkeit

10. Unser Zeugnis in Kirche und Welt

 

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Einleitung

Die vorliegende "Hinführung zum benediktinischen Leben" ist erwachsen aus der 1988 durch das Generalkapitel angeregten Zusammenarbeit der NovizenmeisterInnen der Beuroner Kongregation. Im Austausch über die heutigen Erfordernisse in der Noviziatsausbildung war die Notwendigkeit eines Textes zur Erst-Einführung in die benediktinische Spiritualität und Lebensform deutlich geworden. Eine kleine Kommission aus dem Kreis der Magistri und Magistrae erstellte 1997/98 eine Vorlage mit zehn Themenbereichen, die allen Mitgliedern der Beuroner Magisterkonferenz zugesandt wurde. Dieser Entwurf wurde auf der Magisterkonferenz in Herstelle im November 1998 ausgiebig diskutiert. Eine Reihe von Änderungswünschen inhaltlicher und stilistischer Art machte eine Überarbeitung notwendig. Nach abschließender Redaktion liegt die "Hinführung" nun in ihrer endgültigen Fassung vor.

Die "Hinführung zum benediktinischen Leben" wendet sich an PostulantInnen und NovizInnen, evtl. auch an KandidatInnen, denen mit den neun Themenbereichen ein erster Zugang zur monastischen Lebensweise nach der Regel des hl. Benedikt an die Hand gegeben werden soll. Die Themen wollen anregen zum Nachdenken über die eigene Berufung und eine Hilfe geben, die Erfahrungen im monastischen Alltag zu reflektieren und zu deuten. Die drei grundlegenden Artikel über Berufung, Gottsuche und Christusnachfolge, die die Gottesbeziehung des Berufenen betreffen, werden ergänzt durch zentrale Themen benediktinischer Spiritualität: Leben nach einer Regel, Gotteslob, Arbeit, Gemeinschaftsleben, Autorität, Bedeutung der Gelübde und Beitrag der benediktinischen Klöster für Kirche und Welt. Die Ausführungen, die wesentliche Inhalte knapp und gestrafft darzustellen versuchen, können in der Postulats- und Noviziatszeit als Grundlage für das eigene Studium, den Noviziatsunterricht und das persönliche Gespräch mit dem Magister bzw. der Magistra dienen, besonders am Anfang des Weges in der Phase des Kennenlernens und Sich-Orientierens.

Solche ersten Unterweisungen für Novizen bzw. Zusammenstellungen von Grundprinzipen des monastischen Lebens haben in unserer Kongregation eine lange Tradition. Als Beispiel seien nur die "Elementa" von Erzabt Maurus Wolter aus dem Jahr 1880 genannt. Gerade auch für unsere Zeit erweisen sich grundlegende Informationen mit verbindlichem Inhalt als notwendig. Zwar fehlt es auch im deutschen Sprachraum nicht an hilfreicher monastischer Literatur, doch kann eine prägnante Erst-Einführung eher der besonderen Situation der Ausbildungszeit gerecht werden. Als weiterführende Literatur können u.a. folgende Schriften empfohlen werden:

>Emmanuel Heufelder, Weite des Herzens, Regensburg 1971.
>Basil Hume, Gott suchen, Einsiedeln 1979.
>Anselm Grün, Benedikt von Nursia, Münsterschwarzach 1979.
>Emmanuel Jungclaussen, Worte der Weisung, Freiburg 1980.
>Esther de Waal, Gottsuchen im Alltag, Münsterschwarzach 1992.
>Christian Schütz / Philippa Rath (Hg.), Der Benediktinerorden, Mainz 1994.

Mögen die vorliegenden Ausführungen eine Hilfe sein für die Noviziatsarbeit in unseren Klöstern.

1. Gerufen von Gott

Christliche Berufung geht immer von Gott aus und stellt den Menschen hinein in eine lebendige Beziehung zu Gott und einen konkreten Auftrag. Die Hl. Schrift spricht in vielfältiger Weise von Berufung, die sowohl eine ganz persönliche ist als auch eine gemeinsame, die uns mit anderen verbindet. Das Alte Testament handelt von der Berufung des Volkes Israel inmitten der anderen Völker. Im Neuen Testament werden alle Christen "Berufene" und "Geheiligte" genannt (vgl. 1 Kor 1, 2), wodurch ihre Erlösung in Jesus Christus und ihre Sendung in dieser Welt gekennzeichnet sind. Immer wieder aber erging Gottes Ruf auch an einzelne, die er herausrief aus ihrer Umwelt und ihrem gewohnten Leben. Exemplarisch stehen dafür die Berufung Abrahams (vgl. Gen 12, 1-4) und die Berufung der ersten Jünger durch Jesus.

In der Urgemeinde und der frühen Kirche fanden diese Berufungserzählungen ihre Fortsetzung im Ruf zu einem Leben intensiver Christusnachfolge auf dem Weg des Loslassens und des Vertrauens. Zu allen Zeiten hat der rufende Herr Menschen zu seinem Dienst "ausgesondert". Sie erfuhren ihre Berufung nicht in erster Linie durch spektakuläre Ereignisse, sondern durch ihre Lebensumstände, das Vorbild anderer und ein Hingezogensein zu einem bestimmten Weg, worin sie eine Anregung des Heiligen Geistes spürten. Sie fühlten sich vom Ruf Jesu: "Komm und folge mir nach!" (Mk 10, 21) ganz persönlich angesprochen und fragten mit dem Apostel Paulus: "Herr, was soll ich tun?" (Apg 22, 10). Mit der wachsenden Gewißheit und ihrer Antwort auf den Ruf des Herrn begann ihr Berufungsweg, das Hineinwachsen in die konkrete Gestalt ihrer Nachfolge. Dies bedeutet vor allem wachsende Beziehung zu dem, der sie gerufen hat, zu Jesus Christus. Der Herr selbst gebraucht dafür das Bild von der "Freundschaft" (vgl. Joh 15, 14f). Diese Christusbeziehung soll zur tragenden Beziehung im Leben des Berufenen werden und ihn zu einem erfüllten Leben führen.

Allen Christen gemeinsam ist die Berufung, die aus der Taufe kommt. Sie besteht darin, Christus zu gehören, dem Evangelium zu folgen und in der Kraft des Hl. Geistes im täglichen Leben Zeugnis abzulegen von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Diese Berufung läßt sich mit dem Doppelgebot der Liebe ausdrücken, nach dem wir Gott "mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all unseren Gedanken und all unserer Kraft" lieben sollen "und unseren Nächsten wie uns selbst" (Dtn 6, 4f; Lev 19, 18; Mk 12, 30f). Mit der Taufverpflichtung sind Konsequenzen für die praktische Lebensführung verbunden.

Was alle Getauften betrifft, wird in der Ordensberufung in besonderer Weise sichtbar und greifbar: Wir gehören Gott; er hat seine Hand auf uns gelegt. In der Profeß besiegelt er den Bund mit uns. Die Ganzhingabe der Profeß macht den Anspruch Gottes auf unser ganzes Leben und unsere Antwort an ihn auch nach außen kund. Da ein solcher Weg einschneidende Verzichte beinhaltet und zugleich reine Gnade des erwählenden Gottes ist, wäre er ohne Gott, der die Berufung schenkt und ermöglicht, sinnlos und nicht tragfähig. Die Ordensberufung hat eine zutiefst prophetische Dimension, weil sie in Erinnerung ruft, wozu im letzten jedes christliche Leben bestimmt ist: zur Einheit mit Gott, mit den Mitmenschen und mit uns selbst. In der konkreten Form der Verwirklichung hat dabei jeder Orden bzw. jede geistliche Gemeinschaft ihr unverwechselbares Charisma und ihre spezifische Aufgabe als Antwort auf die Herausforderungen einer bestimmten Zeit.

Der monastische Weg nach den Weisungen des hl. Benedikt von Nursia (ca. 480 - 547) gehört zu den ältesten Formen der Ordensberufung in der Kirche. Durch ihn werden wir hineingenommen in den großen Strom der Tradition des Mönchtums von der ausgehenden Antike bis heute. Benedikt steht ein Leben in Gemeinschaft und Ortsbeständigkeit unter einer Regel als "Lehrmeisterin" und einem Abt als geistlichem Vater der Gemeinschaft vor Augen. Inhaltlich bestimmt wird dieses Leben durch den Vorrang der "Gottsuche" vor allen anderen Aufgaben.

2. Gott suchen

Die Benediktsregel gebraucht bevorzugt Bilder des Weges, um die Entfaltung unserer Berufung anzudeuten: Man "schreitet im Glauben voran" und "läuft den Weg der Gebote Gottes" (RB Prol. 49); man "schreitet mehr und mehr auf Gott zu" (RB 62, 4); man "sucht Gott" (RB 58, 7). Damit wird unser menschlicher Anteil am Berufungsgeschehen ins Wort gebracht, unsere Antwort auf die Initiative Gottes. Wir willigen in eine Beziehung ein, die immer reicher und fruchtbarer werden soll und uns immer tiefere Erfüllung schenken will.

Die "Gottsuche" ist ein Grundwort der Regel Benedikts, mit dem das Wesen unseres Mönchslebens ausgedrückt wird. Bei einem Novizen soll man vor allem darauf achten, "ob er wirklich Gott sucht" (RB 58, 7). Was für den Anfänger auf dem Weg gilt, gilt entsprechend für alle. Man könnte sagen, daß Mönche und Nonnen "Gottsucher von Beruf" sind. Sie haben Gott zum Hauptinhalt ihres Lebens gemacht. Es gehört zur Konsequenz unserer Berufung, dem Ruf Gottes auch zu entsprechen. Unsere erste Sorge soll sein, "dem Herrn zu gefallen" (1 Kor 7, 32) und in der Freiheit der Liebe Antwort zu geben, weil "die Liebe Christi uns drängt" (2 Kor 5, 14). Darum ist es die Sehnsucht des Berufenen, ein Leben lang den zu suchen, den seine Seele liebt (vgl. Hld 3, 1).

Benedikts eigener Weg ist gekennzeichnet von einer entschiedenen Gottsuche. Papst Gregor der Große berichtet uns von seinem Leben, daß er Elternhaus und Studium verließ und sich an einen einsamen Ort zurückzog, "um Gott allein zu gefallen" (Dial. II, Prol. 1). Seine Suche nach Gott schloß das Loslassen des Bisherigen, das Sich-Zurückziehen in die Stille und eine radikale Ausrichtung auf Gott allein ein. Benedikt folgte darin Jesus nach, der sich oft zum Gebet in die Einsamkeit zurückzog (vgl. Lk 4, 42). Auch unsere Gottsuche braucht diesen Raum des Alleinseins, geschützt vor aller Ablenkung, um innezuhalten und auf Gottes Stimme zu lauschen.

Gott suchen ist aber nur möglich, weil er uns zuerst gesucht hat. Die Benediktsregel spricht von diesem Grundereignis unseres Lebens, wenn sie sagt: "Der Herr sucht in der Volksmenge einen Arbeiter für sich" (RB Prol. 14). Unserer Sehnsucht nach Gott geht Gottes Sehnsucht nach uns voraus. An vielen Stellen spricht die Bibel von dieser Suche Gottes nach dem Menschen, die ihren Höhepunkt erfährt in der Menschwerdung Jesu Christi, der gekommen ist, "um zu suchen und zu retten, was verloren war" (Lk 19, 10). So ist es Gott, der uns anrührt, damit wir uns aufmachen, um ihn zu suchen.

Unsere Gottsuche ist keine abstrakte oder rein geistige Vorstellung, sondern wird konkret in unserem Alltag. Gott suchen heißt, sich ganz auf Gott einlassen und ihn zur Mitte des eigenen Lebens machen. Die gesamte Benediktsregel ist nichts anderes als eine Anleitung dafür, wie man Gott in allen Dingen suchen und finden kann: "Überall ist Gott gegenwärtig, so glauben wir" (RB 19, 1). Darum können wir ihm in allem begegnen: im gemeinsamen Gottesdienst, im persönlichen Gebet und in der Lesung, aber auch in den Brüdern und Schwestern, in den Gästen, die zum Kloster kommen, in der täglichen Arbeit und im geistlichen Gespräch. Dabei klammert Benedikt gerade auch negative Erfahrungen nicht aus. Auch in Schwierigkeiten, Mißerfolgen und durchkreuzten Plänen kann Gott gefunden werden. Die Fähigkeit, "Widerwärtiges zu ertragen" (RB 58, 7), ist neben dem Eifer für den Gottesdienst und der Bereitschaft zum Gehorsam sogar ein wichtiges Kriterium für die echte Gottsuche. Wir können die Erfahrung machen, daß auch das Schwere uns Gott näherbringt, wenn wir nicht ausweichen, sondern uns dem Unangenehmen stellen und versuchen, konstruktiv damit umzugehen.

Die Tradition unseres Ordens hat in diesem Zusammenhang das Wort vom "Wandel in der Gegenwart Gottes" geprägt, ein Gedanke, der biblischen Ursprungs ist. Er klingt an in dem Wort Gottes an Abraham: "Geh deinen Weg vor mir und sei ganz!" (Gen 17, 1). Damit ist gemeint, daß man glaubend um die Anwesenheit Gottes im eigenen Leben weiß und daraus Konsequenzen für seine Lebensführung zieht. Ebenso enthält die Benediktsregel die Vorstellung, "daß Gott überall auf uns schaut" (RB 4, 49; RB 7, 13. 26f). Er sieht uns mit dem Blick der Liebe an und segnet unser Leben. Zugleich erwartet er von uns, daß wir in Verantwortung vor ihm leben.

Gott ein Leben lang zu suchen - das ist nicht denkbar ohne die Augenblicke, da Suchen zum Finden wird. Was die ersten Jünger in der Begegnung mit Jesus erlebten, wird auch uns zuteil, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen: "Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret" (Joh 1, 45). Die Benediktsregel spricht - wenn auch zurückhaltend - von Momenten der Gotteserfahrung, in denen Gottes Liebe und Nähe spürbar wird: "Wer im klösterlichen Leben und im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes" (RB Prol. 49). Natürlich lassen sich solche Momente nicht erzwingen oder festhalten. Man kann Gott nicht "finden" oder "besitzen" wie eine Sache. Gott ist der ganz Andere und Unverfügbare. Wenn er sich uns zu erfahren gibt, ist das immer Geschenk seiner Gnade. Zu unserem Weg der Gottsuche gehören daher auch Phasen der Dunkelheit, in denen Gott fern zu sein scheint und die es in gläubigem Vertrauen auszuhalten gilt. Nicht zuletzt sind wir in solchen Erfahrungen solidarisch mit den vielen Menschen unserer Zeit, die nicht an Gott glauben können und die Gottferne schmerzlich erleiden.

Charakteristisch für die benediktinische Gottsuche ist, daß sie nicht nur den einzelnen betrifft, sondern auch gemeinsam gelebt wird. Der persönliche und der gemeinsame Aspekt der Gottsuche ergänzen und vertiefen sich gegenseitig in fruchtbarer Polarität. Ich muß meine ganz persönliche Antwort geben, die wichtig ist für das Ganze, aber die Gemeinschaft bestärkt und trägt mich auch auf meinem Weg zu Gott. Von dieser gemeinsamen Gottsuche spricht Benedikt besonders am Ende seiner Regel, wenn er sagt, daß Christus "uns gemeinsam zum ewigen Leben führt" (RB 72, 12).

3. Jesus Christus nachfolgen

Unsere Gottsuche erfährt ihre Ausrichtung im Blick auf Jesus Christus, den Sohn Gottes, den die Heilige Schrift "das Bild des unsichtbaren Gottes" nennt (Kol 1, 15), durch den wir "Zugang zum Vater" haben (Eph 2, 18). So ist es zu verstehen, daß der hl. Benedikt uns in allem an Christus verweist. Er wendet sich an Menschen, "denen die Liebe zu Christus über alles geht" (RB 5, 2). Wir sollen "der Liebe zu Christus nichts vorziehen" (RB 4, 21), ja noch eindringlicher: "Christus überhaupt nichts vorziehen" (RB 72, 11). Diese Ausrichtung auf Christus ist das tragende Fundament unseres Lebens.

Das Evangelium berichtet, wie Jesus seine Jünger erwählte, "um sie bei sich zu haben" (Mk 3, 14), und sie zur Nachfolge berief: "Kommt her, folgt mir nach!" (Mk 1, 17). Diese "Nachfolge" ist zunächst ganz konkret zu verstehen als Weg-, Lebens- und Lerngemeinschaft der Jünger mit ihrem Lehrer und Meister. Dieses Bei-Jesus-Sein ist auch der Sinn unserer Berufung, denn in seiner Nähe verwirklicht sich unsere Gottsuche. Dabei ist uns bewußt, daß unsere Nachfolge nur möglich ist, weil er uns "angeschaut" und "geliebt" hat (vgl. Mk 10, 21). Daß wir ihn wiederlieben können - mit der Kreativität und Spontaneität von Liebenden - beruht auf der Erfüllung, die seine Freundschaft schenkt. Auch wir dürfen Christus - wenn auch nicht im wörtlichen Sinn wie die ersten Jünger - auf seinem Weg "nachfolgen". Dazu gehört, ihn und seine Gesinnung mehr und mehr kennenzulernen und seine Botschaft auch in unserem Leben Gestalt werden zu lassen. Auf diesem Weg müssen wir immer wieder unserem Egoismus absagen, um dem Geist Jesu Christi in uns Raum zu geben. Darum fordert Benedikt uns auf, uns "selbst zu verleugnen, um Christus nachzufolgen" (RB 4, 10). Der Weg der Regel ist nichts anderes als eine Einübung in die Grundhaltungen und die Liebe Jesu Christi, der gesagt hat: "Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat" (RB 5, 13; vgl. RB 7, 32; Joh 6, 38).

Auf diesem Weg sind uns vielfältige Hilfen geschenkt, besonders die Möglichkeit zu einer immer tieferen Begegnung mit Christus in seinem Wort und Sakrament. In der Feier der Liturgie, in den Sakramenten, im persönlichen Gebet und in der Schriftlesung ist Christus als der Lebendige gegenwärtig, der uns die Liebe Gottes nahebringt. Er schenkt uns die Kraft, unserer Berufung treu zu bleiben, wenn wir auch "das Harte und Schwere auf dem Weg zu Gott" erfahren (RB 58, 8) und der Herr uns in seiner gekreuzigten Gestalt begegnet.

Die Feier der Liturgie bildet die Herzmitte eines Benediktinerklosters. Sie prägt den einzelnen und die Gemeinschaft von Grund auf und beeinflußt nachhaltig das tägliche Leben im Kloster, indem sie uns ausrüstet für den Weg der Nachfolge im Alltag. Die Vereinigung mit Christus und miteinander im Gebet erfährt ihren Höhepunkt in der Feier der Eucharistie, in der der österliche Christus in seiner Gemeinde gegenwärtig und wirksam wird. Was die Eucharistie bedeutet, soll zu unserem eigenen Lebensgesetz werden: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15, 13). Der Eifer für den Gottesdienst ist daher nach der Benediktsregel eines der Hauptkriterien für eine monastische Berufung (vgl. RB 58, 7).

Auch die anderen Sakramente sind wirkmächtige Zeichen des Heilshandelns Christi in unserem Leben und prägen es auf ihre je spezifische Weise: In der Taufe wurde unsere Gotteskindschaft und unser Leben mit Christus in der Gemeinschaft der Kirche begründet. In der Firmung wurde uns die Kraft des Heiligen Geistes zuteil, die uns zum Zeugnis für Christus in dieser Welt befähigt. Im Bußsakrament bringen wir unser Versagen und unsere Widerstände in der Christusnachfolge vor den barmherzigen Gott, der uns verzeiht und einen neuen Anfang schenkt.

Das liturgische Beten muß ergänzt und mit Leben erfüllt werden durch persönliches Gebet und Meditation. Beide Weisen des Betens befruchten und bereichern sich gegenseitig. Wir lernen, unser Leben vor Gott ganz persönlich zur Sprache zu bringen und es zugleich in eine größere Wirklichkeit hineinzustellen und von ihr formen zu lassen. Wir werden in das Leben des dreifaltigen Gottes einbezogen und erfahren die Wirklichkeit des Heiligen Geistes, der in uns betet und "für uns eintritt", wenn wir nicht wissen, "worum wir in rechter Weise beten sollen" (Röm 8, 26).

Die treu geübte geistliche Lesung (lectio divina) hilft uns, das Wort Gottes immer besser kennenzulernen und zu einem persönlichen, betenden Umgang mit ihm zu gelangen: "Rede, Herr, dein Diener hört!" (1 Sam 3, 9). In der Schriftlesung geschieht Begegnung mit Christus in seinem Wort. Nach dem Beispiel Marias sollen wir das Gehörte und Gelesene im Herzen bewegen und bewahren (vgl. Lk 2, 19), damit der Same des Gotteswortes auf dem Acker unseres Lebens Frucht bringen kann (vgl. Mk 4, 20). Die persönliche Schriftlesung steht in engem Bezug zum gemeinschaftlichen Hören, Singen und Rezitieren des Gotteswortes in der Feier der Liturgie. Das Hören in Gemeinschaft ergänzt und korrigiert gegebenenfalls mein individuelles Hören und Verstehen und nimmt es hinein in den Raum der Kirche und die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Die eigene Lesung dient daher auch besonders der Vorbereitung der Liturgie, um dem dort verkündeten Wort Gottes bereit und aufnahmefähig begegnen zu können. Nur im unablässigen Hören und Meditieren der Hl. Schrift wird das Kloster zu einer "Schule für den Dienst des Herrn" (RB Prol. 45) und zu einem Weg "unter der Führung des Evangeliums" (RB Prol. 21).

4. Unter der Führung des Evangeliums nach der Regel des hl. Benedikt

Christen aller Zeiten haben für ihr Leben der Nachfolge nach einer zuverlässigen Orientierung gesucht. Sie fanden sie im Leben und Handeln Jesu selbst, in seiner Botschaft, in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen. Die Berichte der vier Evangelisten mit ihrer je eigenen Akzentuierung und Deutung bilden daher die grundlegende Quelle für ein Leben aus dem Geist Jesu Christi.

Auch für die Mönche und Nonnen, die sich auf den Weg der Gottsuche begeben haben, stellt das Evangelium die erste und entscheidende Lebensnorm dar. Die Hl. Schrift ist Grundlage, beständiger Bezugspunkt und Zielvorstellung des klösterlichen Lebens.

Wenn wir von dieser Tatsache ausgehen, stellt sich die Frage, warum es im Mönchtum neben der Bibel noch einer Klosterregel bedarf. Ist im Evangelium nicht alles Notwendige enthalten? Braucht es eine "Ergänzung"? Doch die Regel steht nicht in Konkurrenz zum Evangelium, sondern stellt eine Hilfe dar, um den Weisungen der Schrift eine lebbare Gestalt zu geben und sie in eine konkrete Lebensform zu übertragen. Dabei setzen die verschiedenen Regeln unterschiedliche Akzente und konkretisieren jeweils bestimmte Züge des Evangeliums. Sie stellen sozusagen Gemeindeordnungen dar, ähnlich wie wir sie im Neuen Testament bei den frühen Christengemeinden finden (vgl. z.B. 1 Tim 2, 1 - 6, 19). Uns als monastischen Gemeinden ist die Benediktregel als mönchsspezifische Gemeindeordnung an die Hand gegeben.

Auch Benedikt will mit seiner Regel ein Leben "unter der Führung des Evangeliums" begründen (vgl. Prol. 21). Er lädt uns ein zu einem gemeinsamen Leben in Gebet, geistlicher Lesung und Arbeit. Dabei will seine Regel weniger Einzelvorschriften geben als grundlegende Haltungen in uns anstoßen und ausformen: z.B. hörende Offenheit und Verfügbarkeit, Achtung und Ehrfurcht, Umkehrbereitschaft und Treue. Im letzten zielt die Regel Benedikts, in der geistliche Erfahrungen des alten Mönchtums aus Ost und West gesammelt und verdichtet sind, ein beständiges Leben in der Gegenwart Gottes an, so daß Gebet und Arbeit, Alleinsein und Gemeinschaft eine unauflösliche Einheit bilden. Die Regel lehrt uns, Gott zum Mittelpunkt unseres Lebens zu machen und "der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen" (RB 4, 21). Weil die Regel keine theoretischen Kenntnisse vermitteln, sondern zu Erfahrungen mit Gott, den Mitmenschen und uns selbst hinführen will, lernen wir sie erst wirklich kennen, wenn wir sie nicht nur lesen, sondern nach ihr leben.

Die Schriftgemäßheit der Regel zeigt sich in vielen Zitaten und Anklängen an Bibelstellen, die meist nicht ausschmückende, sondern sinntragende Funktion haben. Daran wird deutlich, daß die Grundhaltungen des Evangeliums auch die Lebensatmosphäre des Klosters prägen sollen. Ganz konkret sollen wir nach den Weisungen der Regel bei den Gottesdiensten, der Tischlesung, der klösterlichen Hausliturgie und der persönlichen geistlichen Lesung immer wieder mit dem Wort der Schrift konfrontiert werden und begegnen darin Christus, der uns in allen Lebensvollzügen nahe sein will. Das Zentrum im Ablauf des klösterlichen Lebens und Mittelpunkt des Tages, der Woche und des Jahres ist das Ostermysterium, das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu, das wir nicht nur in der Liturgie, sondern im gesamten Alltagsleben mitvollziehen sollen.

Benedikt sieht vor, daß einem Neuankommenden die Regel dreimal vorgelesen wird, "damit er weiß, zu was er sich beim Eintritt verpflichtet" (vgl. RB 58, 9.12.13). Heute wird die Regel während des Noviziats ausführlich erklärt und täglich bei Tisch verlesen. Nach dieser Zeit des Kennenlernens und der Einübung wird sie durch die Profeß für uns zur verbindlichen Lebensnorm. Um nach der Regel leben zu können, muß sie immer wieder ins Heute und ins eigene Leben übertragen werden. Wenn Benedikt sagt, daß wir uns nach der gemeinsamen Regel des Klosters und dem Beispiel der Älteren ausrichten sollen (vgl. RB 7, 55), so verweist er uns damit auf konkrete Lebensbeispiele in Vergangenheit und Gegenwart, die uns dabei helfen können.

5. Gott, unserem Schöpfer, den Lobpreis darbringen

Die Grundpfeiler des benediktinischen Tages sind Eucharistiefeier und Stundengebet. In ihnen gedenken wir der Heilstaten Gottes an seinem Volk und feiern die Geheimnisse unseres Glaubens. Wir versammeln uns im Chor, um Gott, "unserem Schöpfer, den Lobpreis darzubringen" (RB 16, 5; vgl. Ps 119, 62.164) und fürbittend einzutreten für Kirche und Welt. Im Gottesdienst, dem nach Benedikt "nichts vorgezogen werden" darf (vgl. RB 43, 3), weihen wir Gott bestimmte Stunden des Tages, die dann ausstrahlen in den übrigen Alltag. Wir bringen dadurch im konkreten Lebensvollzug den Vorrang Gottes vor allem menschlichen Tun zum Ausdruck. Denn Gottesdienst ist immer zuerst Dienst Gottes am Menschen und dann erst Dienst des Menschen für Gott.

"Siebenmal am Tag singe ich dein Lob", sagt Benedikt mit dem Psalmisten (RB 16, 1.3; Ps 119, 164) und deutet mit dieser symbolischen Siebenzahl das Mühen um ein "Beten ohne Unterlaß" an, wie es uns seit den Anfängen der Kirche und des Mönchtums bezeugt ist (vgl. 1 Thess 5, 17). Im regelmäßigen und beharrlichen Gebet der Tagzeiten bringen wir die urchristliche Haltung der Wachsamkeit und der Erwartung der Wiederkunft des Herrn im gemeinsamen Stehen vor Gott zum Ausdruck und machen dadurch deutlich, daß wir wie Menschen sein sollen, "die auf die Rückkehr ihres Herrn warten" (Lk 12, 35). Von daher gewinnt der zweckfreie, ganz auf die Verherrlichung Gottes ausgerichtete Lobpreis seinen tiefen Sinn. "Vor Gott zu stehen und ihm zu dienen" (vgl. 2. Hochgebet der Messe), ist Ausdruck unserer Berufung und zugleich der "schuldige Dienst" (vgl. RB 16, 2), den wir Gott leisten als Antwort auf sein zuvorkommendes Handeln.

Die Wurzeln des Stundengebets liegen bereits im Judentum, hauptsächlich in der Feier des Morgen- und Abendgebets. An diesen Ursprung erinnern uns besonders die Psalmen, die den Hauptbestandteil der Gebetszeiten ausmachen. In ihnen ist das menschliche Leben mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Nöten ins Wort gebracht. Die Psalmen können uns daher ganz persönlich ansprechen, weil hier menschliche Grundsituationen in bildhafter Sprache veranschaulicht sind. Jeder Psalm hat seine eigene Gestimmtheit und Atmosphäre und ist wie ein Raum, in den wir betend eintreten, um seine Aussage mitzuvollziehen. Benedikt mahnt uns zwar, "daß unser Herz im Einklang ist mit unserem Wort" (RB 19, 7), doch soll dies nicht bedeuten, daß wir gedanklich immer jeden einzelnen Vers nachvollziehen müssen. Vielmehr sollen wir uns von der jeweiligen Gebets- und Glaubenshaltung des Psalmisten ansprechen und prägen lassen; sind doch die Psalmen zugleich Gottes Wort an uns und unsere Antwort. Es gibt auch Psalmen, die wir in besonderer Weise in Verbundenheit mit Jesus Christus beten können, weil sie bereits auf seinen Weg und sein Schicksal verweisen (z.B. Ps 22).

Dennoch stellt sich die Frage, wie wir uns auf Dauer dieses täglich vorgegebene Gebet zu eigen machen können. Oft entspricht es nicht unserer eigenen Stimmung und Verfassung, manches wirkt auf uns fremd oder anstößig, und wir sind nicht immer in der Lage, den Text persönlich mitzuvollziehen. Doch das vorgegebene Gebet kann uns auf Dauer formen und für Gott öffnen; es wirkt hinein in unsere Tiefenschichten. Vorgeformte Worte, mit denen wir uns einer langen Gebetstradition anschließen, können unser Beten entlasten und bereichern. Worte, die uns ansprechen, können wir als Leitgedanken mit in den Tag nehmen. Wir können auch Psalmen stellvertretend beten für andere, deren Geschick wir darin wiederfinden. Das Stundengebet weist ja als Gebet der Kirche über den einzelnen hinaus und verbindet ihn mit den großen Anliegen der Welt, die wir fürbittend vor Gott bringen.

Weil uns das feierliche Chorgebet von der Kirche aufgegeben und anvertraut ist, ist es gut, sich auf die Feier der Liturgie sorgfältig vorzubereiten durch Studium und Meditation, damit sich persönliches und gemeinschaftliches Beten immer wieder durchdringen und befruchten können.

6. Von der eigenen Hände Arbeit leben

Ein besonderes Kennzeichen benediktinischen Lebens ist, daß Gebet und Arbeit in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen sollen. Doch geht es bei dem bekannten Motto "ora et labora" nicht um ein zeitliches Nacheinander, sondern um eine innere Verbindung beider Elemente. Gebet und Arbeit sollen sich ergänzen, durchdringen und gegenseitig befruchten. Auf diese Weise kann das Gebet vor einer einseitigen Leistungsorientierung bewahren und umgekehrt die Arbeit dem Gebet immer wieder Realitätsbezug und konkrete Verankerung im Leben verleihen. Dieser Gedanke kommt in der Regel von Taizé, die sich an der benediktinischen Tradition orientiert, sprechend zum Ausdruck: "Damit dein Gebet wahrhaftig sei, mußt du in harter Arbeit stehen. Begnügtest du dich mit dilettantischer Lässigkeit, so wärest du unfähig, wirklich Fürbitte zu tun. Dein Gebet findet zur Ganzheit, wenn es eins ist mit deiner Arbeit." Ziel dieses Bemühens ist, daß alles, was wir tun, in der Gegenwart Gottes geschieht.

Benedikt sieht in seiner Regel vor, daß wir von unserer Hände Arbeit leben (vgl. RB 48, 8), d.h. daß die Gemeinschaft ihren Lebensunterhalt selbst erwerben soll. Darin drückt sich auch ihre Solidarität mit allen arbeitenden Menschen aus. Was ein Kloster eventuell an Überschuß erwirtschaftet, soll es mit den Bedürftigen teilen. Da "Müßiggang der Feind der Seele ist" (RB 48, 1), trägt die Arbeit auch zu unserem eigenen körperlichen und seelischen Gleichgewicht bei. Benedikt hat die Handarbeit, die in der Antike als reine Sklavenarbeit galt, aufgewertet. Für ihn gibt es keine höheren oder niedrigeren Arbeiten, weil der Mensch in allem Tun "Gott verherrlichen" kann (RB 57, 9; 1 Petr 4, 11).

Niemand kann einen Anspruch auf eine bestimmte Arbeit anmelden. Der einzelne soll für alle anfallenden Arbeiten verfügbar sein. Es können Aufgaben auf uns zukommen, die uns Freude machen und in denen wir uns entfalten und vielleicht sogar verborgene Talente entdecken können. Oft sind aber auch Geduld und Ausdauer in notwendigen, wenig abwechslungsreichen Arbeiten gefordert, die wir uns selbst nicht ausgesucht haben. Wichtiger als die Art der Arbeit ist letztlich die innere Einstellung, mit der sie getan wird. So können nach Benedikt z. B. Handwerker und Künstler ihre Fähigkeiten einsetzen - vorausgesetzt, daß sie sich auf ihr Können nichts einbilden und sich nicht über andere erheben (vgl. RB 57, 1-3). Haltungen wie Gelassenheit und Engagement, Fähigkeit zur Zusammenarbeit, Bescheidenheit und Selbstlosigkeit können eingeübt werden, aber auch die Bereitschaft, bei Bedarf eine liebgewordene Aufgabe wieder loszulassen. Insofern ist Arbeit immer auch Arbeit an sich selbst und damit Chance zur persönlichen Reifung.

Benedikt versteht die Arbeit vor allem als Dienst aneinander und am größeren Ganzen. Er fordert uns auf, "einander in Liebe zu dienen" (RB 35, 6), weil das die Gemeinschaft aufbaut. Die Bereitschaft zum Dienst aneinander und füreinander kommt besonders in den Wochendiensten und in freiwillig übernommenen Arbeiten zum Ausdruck.

Nicht zuletzt dürfen wir durch unsere Arbeit "Gottes Mitarbeiter" (1 Kor 3, 9) an seinem Schöpfungswerk sein. Aus der Benediktsregel spricht eine große Achtung vor der Schöpfung, vor den Menschen und vor den Dingen. Sie hält uns an, "alles Gerät und die ganze Habe des Klosters als heiliges Altargerät zu betrachten" (RB 31, 10). So wird die Ehrfurcht vor dem Schöpfer und allem Geschaffenen unsere Arbeit bestimmen.

Mit dem klösterlichen Leben sind viele und unterschiedliche Arbeiten zu vereinbaren. Doch darf eine Tätigkeit bei aller Sorgfalt, die auf sie verwendet wird, nie zum Selbstzweck werden oder eine solche Eigendynamik entwickeln, daß dadurch das eigentliche Ziel der Gottsuche aus den Augen verloren wird.

7. In Gemeinschaft leben

Benedikt sieht das Klosterleben als ein gemeinsames Unterwegssein zu Gott an. In diesem Sinn ist unser Gemeinschaftsleben Verwirklichung und Konkretisierung von Kirche: in der Feier der Liturgie, im gemeinsamen Gottsuchen und im Zeugnisgeben. Die "Gemeinde der Gläubigen", die nach der Apostelgeschichte "ein Herz und eine Seele" war (Apg 4, 32), steht als Leitbild über jedem Ordensleben. Das wird konkret, wenn wir einander ergänzen, ermutigen, fördern, stützen und korrigieren auf dem gleichen Weg der Berufung.

Benediktinische Gemeinschaft verwirklicht sich zuerst in der Feier des Gottesdienstes, dann aber auch in der Tischgemeinschaft, die gewissermaßen eine Fortsetzung des eucharistischen Mahles ist; darüber hinaus in all den anderen gemeinschaftlichen Vollzügen: in gemeinsam übernommenen Aufgaben und den täglich anfallenden Arbeiten, im Miteinander-Teilen der materiellen und geistigen Gaben, im Aufeinander-Eingehen bei Beratungen und Gesprächen, in den Rekreationen und Feiern der klösterlichen Familie. Dabei gilt, daß alles gemeinsame Tun in Lebendigkeit und Kreativität immer auch Teil unseres geformten Lebens ist. Deshalb ist unser Umgangsstil geprägt von gegenseitiger Achtung und Zuvorkommenheit, Ehrfurcht und Brüderlichkeit bzw. Schwesterlichkeit. Dazu gehört auch das rechte Maß von Nähe und Distanz, von Sich-Einbringen und Sich-zurücknehmen-Können, von Offenheit für alle in der Gemeinschaft. Für eine Atmosphäre des Vertrauens und der Freude ist jeder einzelne mitverantwortlich. Das schließt durchaus gesunde Kritikfähigkeit ein; beständiges Murren, vor dem Benedikt nachdrücklich warnt (vgl. RB 34, 6), wirkt dagegen nicht aufbauend, sondern zerstörerisch.

Das Zusammenleben von Menschen, die unterschiedlich sind nach Alter, Herkunft, Charakter, Bildung und Begabung, stellt eine beständige Herausforderung, aber mehr noch eine große Bereicherung dar. Denn in dieser Vielfalt können sich die verschiedenen Gaben ergänzen, können Rücksichtnahme, Toleranz und Verständnis füreinander wachsen und damit letztlich die Liebe. Besondere Aufmerksamkeit wünscht Benedikt den Alten, Kranken und Schwachen gegenüber (vgl. RB 36 u. 37). In Gemeinschaft zu leben, bedeutet aber nicht nur, mit anderen zusammenzusein, sondern beinhaltet auch Alleinsein. Wir würden sonst an die Gemeinschaft übertriebene Erwartungen stellen, die sie nicht erfüllen kann, und enttäuscht werden. Darum gehören zum Gemeinschaftsleben auch innere Selbständigkeit und die Fähigkeit, Einsamkeit auszuhalten. Klösterliches Gemeinschaftsleben ist eine hohe Kunst, die es ein Leben lang einzuüben gilt: "Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes" (Röm 15,7).

Im Kapitel "Vom guten Eifer der Mönche" schreibt Benedikt zusammenfassend: "Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie in größter Geduld ertragen...; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen... Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen Leben" (RB 72, 4-12).

Was Benedikt hier beschreibt, sind Zielvorstellungen, die wir vor Augen haben sollen. Dahin ist christliche Gemeinschaft stets auf dem Weg und muß bei allem Bemühen immer wieder erkennen, daß sie das Ziel noch längst nicht erreicht hat. Wir bleiben unvollkommene, fehlbare und sündige Menschen, die immer wieder der Umkehr und der gegenseitigen Vergebung bedürfen. "Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der vergebenden Fürbitte der Glieder füreinander oder sie geht zugrunde", sagt Dietrich Bonhoeffer. Auch dadurch wird Gemeinschaft geformt und auferbaut.

Darum gibt es im Kloster besondere Formen der Entschuldigung und Versöhnung (z.B. Schuldbekenntnis vor der Komplet, Schuldkapitel, Bußfeiern, Bußsakrament), die deutlich machen, daß wir immer neu der erbarmenden, vergebenden und heilenden Liebe Gottes bedürfen, um den Frieden wiederherzustellen und die gegenseitige Liebe zu stärken.

8. Unter Regel und Abt

Im ersten Kapitel seiner Regel beschreibt Benedikt die Form des Mönchslebens, die er vor Augen hat, und gibt dafür eine kurze, einprägsame Definition: "Sie leben in einer klösterlichen Gemeinschaft und dienen unter Regel und Abt" (RB 1, 2). Danach sind die Eingliederung des einzelnen in die Gemeinschaft, die Regel als verbindliche schriftliche Lebensordnung und die weisunggebende Autorität des Abtes / der Äbtissin drei wesentliche Bezugspunkte des benediktinischen Lebens.

Jede benediktinische Gemeinschaft wählt ihren Oberen selbst (vgl. RB 64, 1-6). Dieser hat vor allem eine geistliche Leitungsaufgabe und einheitsstiftende Funktion und ist im Kloster verantwortlich für alle wichtigen äußeren und inneren Belange. Die Regel zeichnet den Abt nach dem Evangelium als "Ikone" Christi, als Vater, Lehrer, Arzt und Hirten.

Die Aufgabe des Abtes und der Äbtissin ist es, das Evangelium und die Regel auf die konkrete Situation der Gemeinschaft hin auszulegen und zu konkretisieren. In ihrem Bemühen, die Gemeinschaft ihrer Berufung gemäß Christus entgegenzuführen, sollen sie durch ihr Wort, aber mehr noch durch ihr Beispiel wirken (vgl. RB 2, 12).

Die Benediktregel legt dem Abt vor allem die Sorge für die Gemeinschaft ans Herz: Er soll "Menschen führen und der Eigenart vieler dienen", sich "auf alle einstellen und auf sie eingehen" (RB 2, 31f). Das kann nur mit Augenmaß und kluger Unterscheidungsgabe geschehen, mit "discretio", die besonders den Abt kennzeichnen soll (vgl. RB 64, 17-19). Dabei muß er sowohl die einzelnen als auch die Gesamtgemeinschaft im Blick haben. Er nimmt sich besonders der Bedürftigen und Schwachen an und derer, die schuldig geworden sind oder am Rande stehen. Immer soll der Abt "Barmherzigkeit vor Recht" gehen lassen (RB 64, 10), und nie darf die Sorge um das Materielle größer sein als die Rücksicht auf "das Heil der ihm Anvertrauten" (vgl. RB 2, 33-36).

In seiner Verantwortung für das Ganze wird der Abt vom Prior und Subprior, vom Rat der Senioren und von den Offizialen, die für bestimmte Bereiche des Klosters zuständig sind, unterstützt. Alle wichtigen Angelegenheiten werden von der ganzen Gemeinschaft beraten, wobei der Abt die letzte Entscheidung und Verantwortung behält (vgl. RB 3). Nur im Miteinander aller kann der Sinn klösterlicher Gemeinschaft gelingen.

Das Abtsbild, das Benedikt zeichnet, enthält ein hohes Ideal von geistlicher Autorität und Menschlichkeit. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, daß die beschriebenen Grundhaltungen allen Gliedern der Gemeinschaft ans Herz gelegt sind. Auch der Abt bleibt - bei allem Anspruch seiner Leitungsaufgabe - ein Mensch mit Grenzen und Schwächen, der seinerseits auf die Mithilfe und das Entgegenkommen aller angewiesen ist. Ihm kommen Wertschätzung und Anerkennung seiner Autorität zu, da er sie zum Wohl des Ganzen ausübt: "Ihrem Abt seien sie in aufrichtiger und demütiger Liebe zugetan" (RB 72,10).

Der Gehorsam, der dem Abt / der Äbtissin erwiesen wird, ist zuerst Glaubensgehorsam und nimmt sein Maß am Gehorsam Christi gegenüber dem Vater. Die Regel zielt auf einen reifen Gehorsam, der fähig ist, von eigenen Bedürfnissen und unrealistischen Erwartungen abzusehen, und sich nicht von menschlichen Unzulänglichkeiten und Grenzen beirren läßt (vgl. RB 4, 61). Im Alltag wird der Gehorsam oft im scheinbar Kleinen konkret, was z.B. bedeuten kann, den Oberen über alles Wichtige zu informieren und sich an Absprachen und Vereinbarungen zu halten. Benedikt sieht im richtig verstandenen Gehorsam ein "Gut" und eine gegenseitige "Gabe" (vgl. RB 71, 1; 5, 16), durch die wir gemeinsam "zu Gott gelangen" (RB 71, 2).

9. Wachsende Verbindlichkeit

Benedikt sieht unser Mönchsleben als dynamischen Prozeß und verdeutlicht ihn mit dem Bild des Weges: "Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben" (RB Prol. 20; vgl. Ps 16, 11). Ziel dieses Weges, zu dem hin wir unterwegs sind, ist der heilige Gott selbst: "Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden" (1 Petr 1, 15). Benedikt schildert diesen Weg nüchtern und realistisch. Er fordert konsequente Hinwendung zu Gott und zum Mitmenschen. In seiner Regel zeigt er Grundhaltungen auf, die uns helfen sollen, "Gott immer näher zu kommen" (RB 62,4). Für den, der sich in der Profeß endgültig auf diesen Weg einläßt, werden die Grundhaltungen konkret und verbindlich in den Gelübden (vgl. RB 58, 17).

Im Versprechen der Beständigkeit binden wir uns zuerst an Gott, dessen Treue uns befähigt, selber treu zu sein. Wir binden uns aber auch an eine bestimmte Gemeinschaft, sagen ja zu ihr und erfahren in der Annahme durch sie das Ja Gottes zu unserem Leben. Die äußere Beständigkeit, das Ausharren in der einmal gewählten Lebensform und Gemeinschaft mit ihren konkreten Bedingungen, will uns helfen, die innere Beständigkeit einzuüben: bei Christus zu bleiben und in seine Liebe und Freiheit immer tiefer hineinzuwachsen.

Das Versprechen des Gehorsams erfährt seinen Sinn von Christus her, der dem Willen des Vaters in allem gehorsam war. Der Gehorsam hilft uns, Christus nachzufolgen und hellhörig zu werden für die Absichten Gottes mit unserem Leben. Das Hören auf Gott wird für uns in einem umfassenden Sinne konkret im klösterlichen Alltag: in der Offenheit für Gottes Wort, im Hören aufeinander, in der Sensibilität für Menschen, Ereignisse und Lebenssituationen, in der Bereitschaft, sich zur Verfügung zu stellen und Aufträge zu übernehmen. Im Abt bzw. in der Äbtissin ist der Gemeinschaft und dem einzelnen eine Hilfe gegeben, für den Willen Gottes offen zu bleiben und sich seinem Anspruch immer neu zu stellen.

Im Versprechen des klösterlichen Lebenswandels verpflichten wir uns ausdrücklich zu einem Leben nach der Regel und der monastischen Tradition. Das schließt ständige Umkehr- und Veränderungsbereitschaft nach dem Evangelium ein. Auch der evangelische Rat, nach dem Beispiel Jesu arm und ehelos zu leben, kommt in diesem Gelübde zum Ausdruck. - Jesus selbst motiviert uns, einfach und anspruchslos zu leben und mit anderen zu teilen. Gerade heute ist dieses Zeichen der Solidarität mit den Armen unverzichtbar. Das beginnt oft mit kleinen, aber wichtigen Schritten: zufrieden sein mit dem, was man vorfindet; nicht an den Dingen hängen; Grenzen annehmen; persönliche Ansprüche und Wünsche immer wieder überprüfen. Im Verzicht auf eigenen Besitz und in einem Leben in Gütergemeinschaft öffnen wir uns vertrauensvoll unserem Vater im Himmel, der weiß, was wir brauchen, und der für uns sorgt (vgl. Mt 6, 32). - Durch ein Leben in Ehelosigkeit und Keuschheit geben wir unserer Liebe zu Christus auch leibhaftig Ausdruck und halten die Sehnsucht nach endgültiger Erfüllung offen. Daß ein solches Leben kein verkürztes zu sein braucht, zeigen uns die vielen Menschen, die auf diese Weise zu Ganzheit und Fülle des Lebens gefunden haben.

Der Eintritt ins Kloster bringt es mit sich, daß wir uns von Menschen, Lebensräumen, Dingen und Gewohnheiten trennen müssen. Das kann schmerzlich sein, zumal die Einwurzelung in die neue Gemeinschaft Zeit braucht. Es ist aber wichtig, eine klare Entscheidung zu treffen und im Vertrauen auf Gott Wagnisse einzugehen. Unsere Berufung kann nur wachsen, wenn wir uns ganz auf das Neue einlassen. Bei aller Trennung und Zurückgezogenheit bleiben wir jedoch in Liebe denen verbunden, die wir verlassen haben, und können erfahren, daß Beziehungen und Kontakte sich auf neue Weise ordnen.

Die relative Abgeschlossenheit des Klosters bietet den Raum, in dem sich unser Leben mit Christus entfalten kann. Die Möglichkeit, allein zu sein, die Konzentration auf das Wesentliche und das Konfrontiertwerden mit äußeren und inneren Grenzen sollen Hilfen sein für ein intensives geistliches Leben. Im Schweigen öffnen wir Ohr und Herz für Gott, lernen uns selbst zurückzunehmen und den Freiraum der anderen zu respektieren. Schweigen und Hören sind zugleich die Voraussetztung für fruchtbaren Dialog und Austausch.

Wir gehen den Weg unserer Profeß im Vertrauen auf Gott und gemeinsam mit unseren Brüdern und Schwestern. Benedikt ermutigt uns: "Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft im unsagbaren Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes" (RB Prol. 49; vgl. Ps 119, 39).

10. Unser Zeugnis in Kirche und Welt

Zum Wesen jeden christlichen Gemeinschaftslebens gehört der Aspekt der Sendung und des Zeugnisses für Christus. So wollen auch unsere Klöster nicht sich selbst genügen, sondern Zeugnis geben von Gottes Gegenwart in unserer Welt und so dazu beitragen, "daß in allem Gott verherrlicht werde" (RB 57, 9; 1 Petr 4, 11). Diese Sendung erfüllen wir nicht in erster Linie durch unser Tun, sondern durch unser Dasein. Als unseren spezifischen Grundauftrag betrachten wir dabei die Ausrichtung unseres Lebens auf die wahrhaftige Gottsuche (vgl. RB 58, 7) und das beständige Gotteslob, wovon alles andere seinen Ausgang nimmt und seine Prägung erfährt. Wir weisen dadurch hin auf den Vorrang Gottes und das "eine Notwendige" (vgl. Lk 10, 42): "Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben" (Mt 6, 33; RB 2, 35). Ein solches Zeugnis hat seinen besonderen Stellenwert in einer Zeit großer Umbrüche und weitgehender Gottvergessenheit. Die Gottsuche verbindet uns zugleich mit vielen Menschen, die nach Gott und nach dem Sinn ihres Lebens fragen oder um ihren Glauben ringen.

In der gemeinsam gefeierten Liturgie, die wir im Auftrag der Kirche vollziehen, "bringen wir unserem Schöpfer" unablässig "den Lobpreis dar" (vgl. RB 16, 5). Wir preisen ihn zuerst um seiner selbst willen und "wegen seiner gerechten Entscheide" (vgl. RB 16, 5), tragen aber auch Freude, Jubel und Dank, Klage und Bitte und besonders die stumme Not unserer Welt und aller Menschen vor ihn hin. Im Gebet vor Gott lassen wir uns täglich neu prägen und verwandeln. Das Leben mit und aus Gottes Wort, das die Lebensatmosphäre des Klosters bestimmt, sowie ein einfacher Lebensstil können in einer auf Genuß und materielle Werte ausgerichteten Zeit verdeutlichen, daß "der Mensch nicht vom Brot allein lebt" (Dtn 8, 3; Mt 4, 4).

Auch benediktinisches Gemeinschaftsleben, das immer neue Mühen, die Einheit in der Vielfalt zu leben und so "Kirche im kleinen" zu sein, hat Zeugnischarakter. In brüderlicher und schwesterlicher Gemeinschaft, in Gebet, Arbeit und Austausch und im Teilen unserer Güter verweisen wir auf Gott, der zu allen Zeiten Menschen aus der Zerstreuung gesammelt und gemeinsam seine Wege geführt hat. Daß und wie es möglich ist, trotz aller Unterschiede "in Christus eins" zu sein (vgl. RB 2, 20; Gal 3, 28), stellt eine Ermutigung und Hoffnungskraft auch für andere christliche Lebensformen dar.

In der Gastfreundschaft, die uns Benedikt in seiner Regel besonders nahelegt (vgl. RB 53), sehen wir eine Möglichkeit, suchenden Menschen Anteil zu geben an unserem Leben und unserer Spiritualität und erfahren uns dabei nicht selten selbst beschenkt. Bei diesem Dienst beziehen wir auch heutige Formen der Seelsorge und Verkündigung mit ein. Wir erfüllen die mit unserer Berufung verbundene Sendung, wenn unser Wirken nach außen immer auf die gemeinsame Mitte, die Gott ist, bezogen bleibt.

© 2000 Beuroner Benediktinerkongregation